Predigten von Diakon Uwe Michelau

Uwe Michelau

Uwe Michelau

Predigt am 26. Oktober 2014 in der Michaeliskirche Neugraben
19. Sonntag nach Trinitatis

Die Bibel ist (k)ein Märchenbuch

Predigttext: 2. Mose 34, 4 – 10
4 Und Mose hieb zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, und stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg Sinai, wie ihm der HERR geboten hatte,
(im hebräischen Urtext steht an dieser Stelle der Gottesname JAHWE)
und nahm die zwei steinernen Tafeln in seine Hand.
5 Da kam der HERR hernieder in einer Wolke, und Mose trat daselbst zu ihm und rief den Namen des HERRN an.
6 Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue,
7 der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!
8 Und Mose neigte sich eilends zur Erde und betete an
9 und sprach: Hab ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein.
10 Und der HERR sprach: Siehe, ich will einen Bund schließen: Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschehen sind in allen Landen und unter allen Völkern, und das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, soll des HERRN Werk sehen; denn wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde.

 

Die Bibel ist ein Märchenbuch!
Es gibt in Hamburg einen scheinbar unermüdlichen Sprayer, der zwar nicht mit Sprayfarbe, aber mit dicken Filzstiften immer wieder eine Botschaft auf freie Werbeflächen schreibt.
Wenn Sie einmal durch die U-Bahngänge am Knotenpunkt Jungfernstieg gehen, oder auch am Hauptbahnhof, können sie ziemlich sicher sein, irgendwo steht es geschrieben:

die Bibel ist ein Märchenbuch.
Das wird zwar immer wieder überklebt mit neuen Werbeplakaten, aber irgendwo ist dann doch wieder freier Platz für diesen Satz: die Bibel ist ein Märchenbuch.
Manchmal schreiben Zeitgenossen dann den Buchstaben „k“ vor das „ein“,

dann ist die Bibel (k)ein Märchenbuch mehr.

Welche Botschaft möchte uns der unbekannte Schreiber (oder: die Schreiberin) mitteilen?
Ist dieser Satz Protest gegen die Kirche, eine Antihaltung gegen Religion und Gott?
Eine freie Meinungsäußerung, eine atheistische Laune, oder ein kritischer Aufruf,
oder nur eine Schmiererei?

Jedes Mal wenn ich diesen Schriftzug lese, kommt mir der Gebetsvers von Matthias Claudius in den Sinn:

Gott, lass uns dein Heil schauen, auf nichts Vergänglichs trauen,
nicht Eitelkeit uns freuen, lass uns einfältig werden,
und vor dir hier auf Erden und wie Kinder fromm und fröhlich sein.

Möglich aber ist es auch, dass dieser an die Wand geschmierte Satz Raum für Nachdenklichkeit bietet und vielleicht sogar manchen Zeitgenossen zu einer gedanklichen Auseinandersetzung anregt.
Ich wünschte dem Schreiber dieser Worte etwas mehr an Bildung und das Nachdenken über einen Satz aus der ganz alten deutschen Literatur, nämlich aus dem Nibelungenlied. Es heißt da:

Uns ist in alten mæren
wnders vil geseit
von heleden lobebæren,
von grôzer arebeit,
von frevde vn– hôchgecîten,
von weinen vn– [von] klagen …

In alten Maeren, d.h., in alten Märchen, in Erzählungen und Überlieferungen, in Sagen und Legenden ist uns wunderbar gesagt:
von Helden, von großer Arbeit, von Freude und hohen Zeiten, – auch von weinen und klagen, –
eben vom Leben mit all seinen schönen und schweren und vielfachen Seiten.

Die alten Überlieferungen, die alten Volksmärchen, die Volkssagen und Legenden erzählen Geschichten von Lebenserfahrungen, von Menschen und Völkern, die mit ihrem Schicksal haderten,
von ihren Hoffnungen und verborgenen Wünschen und versuchen zu deuten und zu erklären.
Schneewittchen im Märchen wird es in Wirklichkeit nie gegeben haben, aber Schneewittchen erlebt Neid, Missgunst, Eitelkeit, Hass, Eifersucht, List und auch Mitleid und Liebe, alles Dinge, die mit täglicher Lebenserfahrung zu tun haben.

In den alten Legenden und Märchen wird schließlich auch immer wieder die Frage nach Gott gestellt,
nach einem letzten Lebensgrund und Lebenssinn.
Für die einen ist Gott unsichtbar und verborgen, seine Existenz wird verneint,
andere empfinden Gott als Schicksal, dem sie ausgeliefert sind.
Gott ist aber auch für viele eine große liebende Schöpferkraft, die ALLES ist.
Jesus hat gesagt, Gott ist Geist – Heiliger Geist – und Gott ist Liebe.
Von diesen Lebenserfahrungen ist auf den vielen Seiten der Bibel zu lesen: vom Suchen nach einem Sinn und vom Zweifeln, dass doch in allem kein Sinn zu erkennen ist, wie auch von der Hoffnung, dass einmal alles in Gott sein Ziel haben wird. – Dazu finden wir in der Bibel die Psalmgebete, die Weisheitssprüche, in den Briefen der Apostel das Ringen nach Wahrheit, in den Reden der Propheten manche Mahnung und schließlich im Evangelium eine Botschaft, die vom Leben und Handeln Jesu erzählt.

Eine alte Maer, – ein altes Märchen – eine uralte Erzählung ist unser heutiger Predigttext, eine uralte Geschichte, die etwas von und über Gott erzählt.
Es ist eine Erfahrungsgeschichte aus alter Zeit, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Dabei geht es nicht um die Frage, ob das alles so, wie es erzählt wird, auch geschehen ist.
Es geht vielmehr um eine ganz andere, tiefe Wahrheit, nämlich um eine Gottesoffenbarung und Gottesbegegnung, erzählt mit menschlichen Worten und in menschlicher Weise.

Was für eine großartige und spannungsvolle Geschichte wird da erzählt! Um eine Ahnung davon zu bekommen, dass hier eben kein erdichtetes Märchen erzählt wird, sondern eine uralte Lebensgeschichte, ist es hilfreich den Text noch einmal aus anderer Sichtweise zu betrachten.
Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat in seiner Verdeutschung der Schrift versucht, die ursprüngliche Spannung des Textes wiederzugeben.
Er spricht von der Verdeutschung der Schrift, nicht von einer Übersetzung, denn eigentlich lässt sich der Gottesname JAHWE im Urtext gar nicht übersetzen.
Die ursprünglichen Worte klingen genauso fremdartig, wie die Worte des Nibelungenliedes.
Die großen Gedanken der Menschheit sind in der Wüste erstmals gedacht worden.

Im Buch Exodus (2. Mose) geht es um den Auszug des Gottesvolkes aus der Fremde, um die Wüstenwanderung und die Wüstenerfahrung, um Freiheit, um Suchen und Finden, um Angst, Enttäuschung, Hunger, um Zweifel und Verzweiflung, Rettung, Heil und Erlösung, um die Gottesfrage und Gottesbegegnung.

Hören wir aus dieser Verdeutschung der Schrift die wichtigsten Verse:

4 Frühmorgens machte sich Mosche auf und stieg zum Berg Ssinai hinauf,
wie ER ihm geboten hatte, und die zwei Tafeln von Stein nahm er in seine Hand.
5 ER (Gott: Jahwe) zog nieder im Gewölk, er stellte sich dort neben ihn und rief den NAMEN aus.
6 Vorüber fuhr ER an seinem Antlitz und rief: ER ER Gottheit,
erbarmend, gönnend, langmütig, reich an Huld und Treue,

8 Mosche eilte, er bückte sich zur Erde, er verneigte sich
9 und sprach: Habe ich doch Gunst in deinen Augen gefunden,
o mein Herr, gehe denn mein Herr bei uns innen!
Ja, ein Volk hart … ist es – so verzeihe unserm Fehl, unsrer Versündigung, eigne uns an!
10 Er sprach: Da, ich schließe einen Bund.
Vor all deinem Volk will ich Wunderwerke tun, wie sie nie geschaffen wurden auf aller Erde, unter allen Stämmen. …

Diese Geschichte ist vielschichtig und für diese Predigt möchte ich einen Gedanken hervorheben, es sei denn, die Predigt darf getrost zwei Stunden lang dauern.
Wir wissen aus den Erzählungen der Bibel, dass parallel zu der Gottesbegegnung des Mose auf dem Berge Sinai das Volk der Israeliten unten im Tal auf die Rückkehr des Mose wartete, aber es fehlte ihnen an Glaube und Geduld, denn Mose blieb sehr lange fort, und so schufen sie sich das berühmte goldene Kalb als einen Götzen, als einen Ersatzgott, den sie wenigstens anfassen und sehen konnten.

Diese Geschichte ist immer wieder lebensnah von Malern und Dichtern, von Musikern dargestellt worden. Ganz modern ausgedrückt: es ist eine Geschichte, die das Leben schrieb.
Irgendetwas Greifbares möchte der Mensch haben und er glaubt nur zu gerne an das, was er auch sehen und im doppelten Wortsinn „begreifen“ kann.

Aber Gott ist anders.
Oben auf dem Berge begegnet Mose der Gottheit. Aber Gott ist verhüllt.
Der HERR – Jahwe im Alten Testament – kam hernieder in einer Wolke, im Gewölk.
Hier begegnet uns der Gott des Himmels und der Schöpfung.
Wo kann Gott denn sein, als über uns im Himmel?
Die Menschen früherer Zeit konnten diese Frage leichter beantworten, als wir heute.
Damals haben sie sicherlich in den Wolken etwas Göttliches gesehen, konnten sie doch lange nicht deren Entstehen und deren plötzliches Sich-Auflösen erklären.
Heute aber fragen wir: wo ist nun der Himmel, wo fängt er an, wo hört er auf. Was ist überhaupt der Himmel angesichts der Größe des Weltalls, das wir nach Lichtjahren messen.

Es werden also zwei sehr unterschiedliche Gottesbilder beschrieben.
Einmal das Götzenbild des Aberglaubens, das aber doch fassbar und greifbar ist und dann das Staunen über den unsichtbaren Gott des Himmels und der Erden als Geist und Kraft, der nur in Anbetung, Lob und Dank erfahrbar ist:

Seht das große Sonnenlicht,
wie es durch die Wolken bricht,
auch der Mond, der Sterne Pracht
jauchzen Gott bei stiller Nacht.

Sind das nun erdachte, erfundenen Geschichten, oder viel mehr doch jene alten Maeren, die uns erzählen
von Wundern, von Helden des Glaubens, die auf ihre Weise von ihren ganz eigenen Erfahrungen erzählen, von Freude und hohen – und tiefen – Zeiten, auch von Weinen und Klagen?

Jesus hat uns gelehrt und damit eine ganz eigene Antwort gegeben.
Er redete im Gebet den Jahwe-Gott mit Vater an. Er sprach davon, dass Gott Liebe ist und wir Gott im Geiste anbeten müssen, denn im betenden Menschen ist schon das Gottesreich verborgen.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Herrschaft, alles andere wird euch zufallen.

Ich möchte schließen mit einer letzten Geschichte.
Mit einem Text aus der Biografie von Martin-Luther-King, der sich eingesetzt hat für die Bürgerrechte der schwarzen Bevölkerung in Amerika und 1963 von einem rassistischen Fanatiker ermordet wurde:

Viele Leute sind überrascht, wenn sie erfahren, dass ich ein Optimist bin. Sie wissen, wie oft ich ins Gefängnis geworfen wurde, wie oft meine Tage und Nächte mit Enttäuschung und Sorge angefüllt waren, wie verbissen und gefährlich meine Feinde sind.
Sie erwarten, dass diese Erfahrung mich zu einem grimmigen und verzweifelten Menschen machen.
Sie haben kein Verständnis für die Stärke, die aus dem Glauben an Gott und den Menschen kommt.
Ich mag straucheln, aber ich bin völlig sicher in dem Wissen, dass Gott uns liebt. Er hat unser Scheitern nicht geplant.
Der Mensch hat die Fähigkeit, sowohl richtig als auch falsch zu handeln, seine Geschichte ist ein Weg nach oben, nicht nach unten. Die Vergangenheit ist übersät mit den Ruinen der Tyrannenreiche, und jedes dieser Reiche dokumentiert nicht nur die Fehler des Menschen, sondern auch seine Fähigkeit, sie zu überwinden. (1)
Uwe Michelau, Diakon

(1) aus Neukirchner Kalender Verlag – 16. März 2014

 

 Hier der Text noch einmal als pdf für Sie:

Die Bibel ist (k)einMärchenbuch