Predigten von Pastorin Bettina von Thun

 

Bettina von Thun

Bettina von Thun

Lichtergottesdienst am 6. Januar 2015
Einstimmung:
„Lichtergottesdienst“, so der Name dieses Gottesdienstes heute!
Wir stellen ihn heute unter das so aktuelle Thema der Flüchtlinge. Wir hören Menschen, die selbst direkt mit dem Thema zu tun haben.
In diesen Erzählungen gibt es Licht und Dunkel. Wie sollte das anders sein? Wir glauben: Es wird heller und wärmer wenn wir Dunkles ans Licht holen, wenn wir Geschichten teilen.
Aus diesem Hören und Teilen kann Licht werden. Es wäre doch schon etwas wenn wir heute hier herausgehen und uns ein Licht aufgeht: wir wollen gemeinsam diese Welt Licht-voller machen und uns einsetzen für ein Atmosphäre von Freundlichkeit und Helligkeit!

Und so feiern wir diesen Gottesdienst
im Namen Gottes,
des Vaters, der am Anfang das Licht aufstrahlen ließ,
des Sohnes, Jesus Christus, der die dunklen Stunden kennt und von sich sagt: „ich bin das Licht!“,
des heiligen Geistes, der Kraft, die uns tröstet und erleuchtet.
AMEN

Lesung: Matthäus 2, 1-12 zusammengefasst + 13-15:
Als Jesus in Betlehem in Judäa geboren war, in den Tagen des Königs Herodes, seht, da kamen weise Magier aus dem Osten nach Jerusalem.
Sie sagten: »Wo ist der neugeborene König des jüdischen Volkes? Wir haben seinen Stern im Osten aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.«
Als König Herodes davon hörte, schickte er sie nach Betlehem und sagte: »Geht! Stellt genaue Nachforschungen über das Kind an.
Wenn ihr es gefunden habt, gebt mir Bescheid, damit auch ich kommen kann, um ihm zu huldigen.«
Als sie das vom König gehört hatten, brachen sie auf. Und seht, der Stern, dessen Aufgang sie beobachtet hatten, zog vor ihnen her, bis er ankam und über dem Ort stillstand, an dem das Kind war.
Als sie den Stern dort sahen, waren sie überwältigt vor Freude. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind zusammen mit Maria, seiner Mutter.
Sie fielen vor ihm nieder, ihm zu huldigen. Sie breiteten ihre Schätze aus und überreichten dem Kind Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Im Traum aber erhielten sie die Weisung, nicht zu Herodes zurückzugehen. So kehrten sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück.
Nachdem die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum der Engel des Herrn und sagte: »Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten! Bleib dort, bis ich dir sage, dass du wieder zurückkommen kannst. Herodes wird nämlich das Kind suchen, weil er es umbringen will.«
Da stand Josef auf, mitten in der Nacht, nahm das Kind und seine Mutter und floh mit ihnen nach Ägypten.
Dort lebten sie bis zum Tod von Herodes.
So sollte in Erfüllung gehen, was der Herr durch den Propheten angekündigt hatte: »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

Lesung: Levitikus 19, 1-2.15.18.33-34.37:
Gott sagte zu Mose:
»Richte der ganzen Gemeinde Israel aus, was ich ihr zu sagen habe: ›Ihr sollt heilig sein; denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig.
Wenn ihr einen Rechtsfall zu entscheiden habt, dann haltet euch streng an das Recht. Bevorzugt weder den Armen und Schutzlosen noch den Reichen und Mächtigen. Wenn ihr als Richter über einen Mitmenschen das Urteil sprecht, darf allein die Gerechtigkeit den Maßstab abgeben.
Räche dich nicht an deinem Mitmenschen und trage niemand etwas nach. Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Ich bin Gott!‹
Unterdrückt nicht die Fremden, die bei euch im Land leben,
sondern behandelt sie genau wie euresgleichen. Jeder von euch soll seinen fremden Mitbürger lieben wie sich selbst. Denkt daran, dass auch ihr in Ägypten Fremde gewesen seid. Ich bin der HERR, euer Gott!

Gemeinsame Predigt von Bettina von Thun und Christoffer Sach für eine Willkommenskultur in unseren Herzen und unserem Land:

Thema: Flucht ist der Bibel nicht fremd. Aus dem Verhältnis zu Gott und seinem Halt fließt eine aktive, friedliche Haltung!

Kurzansprache von Bettina von Thun mit Bezug auf Matthäus 2:
Menschen sind auf der Flucht – von Ost nach West, von Süd nach Nord. Sie fliehen, um leben zu können oder zumindest um nicht sterben zu müssen. Sie fliehen mit dem Allernötigsten, verlieren auch dies oft auf den gefahrvollen langen Wegen und gewinnen meist nur einen Ort, an dem andere sie existieren lassen – das ist nicht wenig, und doch besitzt jeder Mensch auch eine Seele, die noch eine andere Nahrung braucht als Wasser und Brot.
Menschen auf der Flucht – auch wenn sie oft nicht dieselbe Sprache sprechen, sie können sich doch verstehen, wir können sie doch verstehen, denn das, was uns alle mit einander verbindet, sind die gleichen Sehnsüchte nach heilem Leben, danach, dazuzugehören, mit anderen zu lachen und so sein und leben zu dürfen, wie ein Mensch es für sich als richtig empfindet.
Einem weisen Menschen fühle ich mich heute sehr verbunden – ich kenne ihn nicht persönlich, da er schon lange tot ist, aber ich bin ihm sehr dankbar für das Buch, das er geschrieben hat. Ich kenne nur seinen Vornamen: Matthäus. Und dieser Jude, der sich zum Christentum bekehrt hat, hat uns zwei wunderbare Geschichten geschenkt: wir haben sie vorhin gehört: da kommen drei kluge Menschen aus fremden Ländern und Kulturen, um sich zu vergewissern, dass sie im Stall in Betlehem Gottes Liebe und Frieden für die Welt finden können. – Kein Wort findet sich darin von Mission oder dem Absolutheitsanspruch einer Religion…
Und gleich danach hat Matthäus eine andere Geschichte gesetzt, die davon erzählt, wie Menschen von Machtgier zerfressen alle niedermachen, die sich ihrem Willen zu Macht, Einfluss und Reichtum in den Weg stellen – und sei es auch nur vermeintlich. Davor müssen sie fliehen: die Eltern mit dem Neugeborenen – nur das Allernötigste dabei, ein Esel als größter Schatz. Sie finden in Ägypten Asyl – ohne Visum, ohne Asylantrag. Sicherlich hat Josef in seinem Beruf als Zimmermann Arbeit finden können – wenn einer gut ist, dann versteht man sich auch ohne Sprache. Für Wasser und Brot war gesorgt, und für die Seele wohl auch bald: Sicherlich hat sich die kleine Familie integriert, hat mit der Zeit ägyptisch gelernt, am Leben teilgenommen, aber natürlich an ihrem eigenen Glauben und Traditionen festgehalten. Vermutlich hatten die Ägypter eher keine Angst vor Überfremdung. Wie gut, sonst würde es uns als Gemeinde gar nicht geben!
Warum nun erzählt Matthäus diese Geschichte?
Ich verstehe ihn so:
Jesus geht den Weg, den auch sein Volk gegangen war: mühsam die Freiheit errungen von Unterdrückung, Unfreiheit und Gewalt – der Exodus aus Ägypten – das war auch für die Israeliten kein Ponyhof. Und daran haben sie sich immer wieder aufs Neue erinnert: Gott ist nicht auf einen Ort festgelegt, Gott geht mit auf unserem Weg. Wir dürfen nach einem besseren Leben suchen.
Matthäus erzählt sie, damit wir uns daran erinnern, dass weder Sicherheit noch Wohlstand selbstverständlich sind und dass die Alteingesessenen nicht die besseren Menschen sind. Auch in vielen unserer Familien gibt es Geschichten über Flucht, Not und Neuanfang. Wie viele könnten auch davon erzählen, wieviel Sterben sie auf der Flucht miterlebt haben damals und wie lange es dauert, bis die Erinnerungen daran nicht mehr so quälen.
Und wenn ich noch einmal an das „Asylantenpack“ da aus Nazareth denke, und welch ein Schatz der Welt verloren gegangen wäre, wenn König Herodes auch dieses Kind abgeschlachtet hätte, und wenn ich auch an einen anderen Satz aus der Bibel denke, der da lautet: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht, denn durch sie beherbergen wir ohne unser Wissen Engel an unserer Seite“, dann freue ich mich, dass Ihr bei uns seid: Munira und Ahmad und all die anderen.

Kurzansprache von Christoffer Sach mit Bezug auf Levitikus 19:
Man kann sich aus vielen Motiven heraus engagieren: z.B. einfach weil man ein Menschenfreund ist, weil man ein mitfühlender Mensch ist und einem das Leid von Menschen zu Herzen geht.
Jede Form von Engagement ist gleich gut und wichtig.
Wir in Michaelis tun das, weil wir glauben, dass Gott ein Gott ist, der Erbarmen und Mitleid kennt. Weil dieser liebevolle Gott etwas mit der Welt und ihrem Zustand zu tun haben will. Weil Gott Licht ins Dunkel bringen will, weil ER uns Menschen sucht. Und das schon im Ersten Testament: „Sich an das Recht halten, sich nicht selbst zum Maßstab und Richter aufspielen, eine höhere Instanz, ein Gewissen haben.“
Menschen haben sich berühren lassen von diesem mitfühlenden Gott, der Gerechtigkeit liebt.
Aus dem Verhältnis zum liebenden Gott fließt liebevolles Verhalten: „Meinen Mitmenschen lieben, wie mich selbst auch… Niemanden unterdrücken, Fremde gleichwertig behandeln.“
Christus hat das aufgenommen und gesagt: „was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt.25).
Wichtig finde ich in alldem die Erinnerung: „ihr seid selbst Fremdlinge gewesen.“ So viele wichtigen Geschichten in der Bibel sind Flucht- und Fremdlingsgeschichten: Der Auszug aus Ägypten, die Geburt Jesu… Wir haben das eben schon gehört.
Anscheinend will Gott uns erinnern, dass wir als Menschen auf dem Weg sind, niemals fertig, selbst wenn wir in Häusern wohnen und uns gut einrichten können! Vielleicht soll die Erinnerung vor Hochmut und Selbstgerechtigkeit bewahren…?
Wenn wir uns mal erinnern: so lange ist das nicht her, dass wir hier in Deutschland Fluchtgeschichten hatten… Und damals, so höre ich es immer wieder, war nicht gerade eine Willkommensstimmung für die Ankommenden, die ja nicht mal Fremde waren!
Solche Erinnerungen sind schrecklich, wir wollen sie am Liebsten verdrängen. Aber sie bleiben, ein Leben lang.
Selbst durch den Glauben wirst du nicht vor solchen Erfahrungen verschont. Aber aus der Erfahrung, dass gerade in solchen Zeiten der Glaube Halt geben kann, wächst Wille zum Überleben. Wir haben das eben eindrucksvoll in den verschiedenen Beiträgen, besonders von Munira und Avgin, gehört.
Aus der Erinnerung, dass Gott gerade in solchen Zeiten mit auf dem Weg ist, dass er selbst daran leidet, dass er auch darin noch berührt und liebt, kann so etwas wie eine neue Haltung fließen. Eine Haltung die zeigt: wir hier in Neugraben überlegen gemeinsam: wie können wir ankommenden Menschen zeigen, dass Sie willkommen sind? Wie können wir uns vernetzen und trotz aller Unterschiede in Hautfarbe, Religion, Glauben, uns als Menschen begreifen, die alle dieselben Grundbedürfnisse haben: Sicherheit, Liebe, Annahme, Freiheit? –
Viel passiert schon. Wie gut! Wir wollen mit diesem Lichtergottesdienst dazu beitragen: setzen wir uns an einen Tisch und schaffen eine Willkommenskultur! Haben wir keine Angst vor Begegnung und Berührung!
Ob ich nun an Gott glaube oder nicht, ich bin mir sicher: dann wird es hell!

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