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 Ziele der Weltgemeinschaft

Armut und Hunger beenden – Ungleichheiten bekämpfen

Das globale Bewusstsein in der Agenda 2030

 

Am 25. September 2015 fand in New York der Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung im Rahmen der 70. UN-Generalversammlung statt – Ergebnis: Verabschiedung der Agenda 2030 (SDG) als Folgeprojekt der Ende 2015 abgelaufenen Mileniumsziele (MDG).

Die Agenda 2030 trat am 1.Januar 2016 in Kraft. Neben dem Klimavertrag von Paris (Dezember 2015) ist der Weltgemeinschaft damit eine zweite Vereinbarung zur Bewältigung der großen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft gelungen. Die Agenda 2030 benennt 17 Ziele, die als Ergebnisse von Kompromissen unterschiedlichster Verhältnisse und Interessen der ca. 195 beteiligten Staaten zu bewerten sind. Die Ziele sind völkerrechtlich nicht bindend – und dennoch stellt die Agenda eine bemerkenswerte kulturelle Leistung der Weltgemeinschaft dar – zu einem Zeitpunkt, der von zahlreichen Konflikten mit unvorhersehbarem Ausgang gekennzeichnet ist.

Nachhaltige Entwicklung basiert auf drei Säulen – Soziales (Wohlstand), Ökonomie und Ökologie (Ressourcen) – deren Kriterien im Folgenden in einem Vergleich zweier unterschiedlich entwickelter Länder skizziert werden sollen. Dabei weist der Vergleich auf eine besondere Problematik bei der Umsetzung der Agenda 2030 hin.

 

Säule Soziales (Wohlstand): Die UN messen den Wohlstand der Nationen mit dem Human Developement Index (HDI – deutsch: Index für humane Entwicklung – vgl. Tabelle unten). Der HDI wird ermittelt aus Bruttosozialprodukt, Lebenserwartung und Bildungsdauer. Der theoretisch höchste HDI entspricht dem Wert 1. Im Länder-Ranking der UN wird Deutschland mit einem HDI von 0,916 an sechster und Eritrea mit einem HDI von 0,381 an 182. von 187 Stellen geführt.

 

Säule Ökonomie: Diese soziale Ungleichheit steht im Zusammenhang mit den ökomischen Differenzen beider Länder, gemessen am Bruttosozialprodukt (BIP). Die wirtschaftliche Leistungskraft Deutschlands (BIP ca. 40.000 $/ pro Kopf), übertrifft die Eritreas (ca. 700 $ pro Kopf) um ca. das 57-fache.

 

Säule Ökologie: Die durch den Wohlstand eines Landes bedingten Auswirkungen auf die Ökosysteme der Erde werden in der Nachhaltigkeitsdiskussion als ökologischer Fußabdruck bezeichnet. Er wird als Flächeninanspruchnahme in Hektar pro Person (ha/ Pers.) ausgedrückt. Dem Fußabdruck steht die Biokapazität gegenüber. Sie kennzeichnet das Flächenangebot (ha/ Pers.) eines Landes bzw. einer Region. Der durchschnittliche Fußabdruck der Weltbevölkerung beträgt gegenwärtig ca. 2,7 ha/ Pers. Bei einer Biokapazität der Erde von ca. 1,7 ha/ Pers. führt das zu einen ökologischen Defizit, d.h. wir belasten die Erde höher als sie verkraften kann. Dadurch bestehen bereits heute Risiken für den Erhalt der Lebengrundlagen, die sich z.B. durch die Folgen des Klimawandels in südlichen Regionen zeigen. Der Wohlstand der hoch entwickelten Länder wird mit einem ökologischen Defizit „bezahlt“, das z. B. für Deutschland mit 3 ha/ Pers zu Buche schlägt.

03-06-2016 09-41-37

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Agenda beginnt mit einer Erklärung der verantwortlichen Politiker. Darin heißt es u.a. (Zitat):

„Wir, die Staats- und Regierungschefs und Hohen Vertreter…..sind uns dessen bewusst, dass die soziale und wirtschaftliche Entwicklung vom nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Erde abhängt…..

Wir sind daher entschlossen, die Ozeane und Meere, die Süßwasserressourcen sowie die Wälder, Berge und Trockengebiete zu erhalten und nachhaltig zu nutzen und die biologische Vielfalt, die Ökosysteme und die wildlebenden Tiere und Pflanzen zu schützen…“

 

Die Dimension dieser Absichtserklärung wird erst durch eine Betrachtung der unterschiedlichen Gegenwartszustände der Länder erkennbar, die der Vergleich Deutschlands mit Eritrea aufzeigt. Die Ungleichheit zwischen hoch und niedrig entwickelten Ländern stellt die Frage nach der Gerechtigkeit der Verteilung des Wohlstandes. Die Antwort kann nicht ohne die Berücksichtigung der „ökologischen Auswirkungen“ des Wohlstandes gegeben werden. Vor diesem Hintergrund verliert die traditionelle Einteilung in entwickelte und nicht entwickelte Länder ihre Bedeutung in dem Sinne, dass alle Länder sich auf einen Entwicklungsprozess begeben müssen.

Eine erfolgreiche Umsetzung der oben zitierten Erklärung der Staats- und Regierungschefs erfordert die Entkopplung von Wohlstand und Ressourcenverbrauch, wie sie schon seit längerem in Nachhaltigkeitsstrategien angestrebt wird. Gelungen ist diese Entkoppelung bisher nicht. Zwar werden auf verschiedenen Gebieten Effizienzsteigerungen verzeichnet. So konnte bekanntermaßen der spezifische Treibstoffverbrauch für Kraftfahrzeuge verringert werden. Dieser positive Effekt wurde jedoch durch eine gleichzeitige Zunahme der Anzahl der Fahrzeuge überkompensiert. Vergleichbare Entwicklungen werden auch auf anderen Gebieten beobachtet. Man spricht in diesem Zusammenhang von Rebound-Effekten. Betrachtet man ergänzend den zunehmenden Ressourcenverbrauch der Länder mit einem Nachholbedarf an Wohlstand, ist eine globale nachhaltige Entwicklung, die der Erklärung der Staats- und Regierungschefs nahe kommt, derzeit nicht erkennbar.

Bei der Suche nach den Möglichkeiten für mehr Nachhaltigkeit stößt man auf eine Gleichung von Barry Commoner. Die Gleichung definiert die Umweltbelastung (I) als Produkt der Bevölkerungszahl (P), dem materiellen Lebensstandard (A) und Auswirkungen der verwendeten Techniken (T).

I = P x A xT

 

Die Bevölkerungszahl P wird bis 2050 auf ca. 10 Milliarden anwachsen. In den zugrunde liegenden Modellrechnungen sind die Möglichkeiten der Begrenzung (Bildung, Verhütung) bereits berücksichtigt. Der Lebensstandard A (Wohlstand/Wachstum) soll gemäß den Regierungszielsetzungen aller Länder gesteigert werden, Beispiel TTIP! Die Lösung für mehr Nachhaltigkeit und damit auch für die Begrenzung der menschenverursachten Erd-erwärmung sehen Politik und Wirtschaft in einer innovativen Technologie, d.h. im Faktor T – Stichworte: Digitalisierung, Roboterisierung! Folgt man der Ansicht des Soziologen und Sozialpsychologen Herald Welzer, dass die Digitalisierung nur zu einer Beschleunigung und Steigerung der bisherigen Logik des immer mehr, des immer schneller und deshalb auch zu mehr Naturzerstörung, mehr Umweltverbrauch und möglicherweise auch zu mehr und beschleunigter Ausbeutung führt, scheint der technologische Ansatz allein wenig geeignet zu sein. Gefordert ist vielmehr eine veränderte Logik, ein neues Denken, das eine Antwort auf die Qualität eines nachhaltigen globalen Lebensstandards (A) zu geben im Stande ist. Ein Lebensstandard, der in den Industrieländern nicht weiterhin bestimmt wird durch häufig unreflektierte individuelle, oft ökonomisch suggerierte Ansprüche, sondern der die menschlichen materiellen und kulturellen Bedürfnisse mit den ökologischen Möglichkeiten harmonisiert. Genau das verspricht die Erklärung der Staats- und Regierungschefs.

Die Staats- und Regierungschefs erwähnen allerdings nicht, dass der globale Energie- und Materialverbrauch um den Faktor 2 global und den Faktor 10 ( Quelle: Sustainable Europe Research Institute – SERI)  in Industrieländern reduziert werden muss, wenn die Überbelastung der Ökosysteme vermieden werden soll. Die Reduzierung in den Industrieländern ist dabei von besonderer Bedeutung, da nur so Freiräume geschaffen werden, die es den gering entwickelten Ländern ermöglicht, ihren Nachholbedarf  (Vermeidung von Armut, Hunger, Bildung, Gesundheitsvorsorge u.w.) zu befriedigen. Die Staats- und Regierungschefs erwähnen es deshalb nicht, weil es niemanden gibt, „der weiß, wie das geht“.

Neben den bisher diskutierten materiellen Aspekten der Nachhaltigkeit sollte auch ein Blick auf den immateriellen Wohlstand nicht fehlen. Gemeint ist der in den letzen 200 Jahren in den westlichen Ländern entwickelte zivilisatorische Standard, der sich um die Begriffe Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Gesundheit, Bildung…rankt. Diese Standards bilden die Grundlage einer in der Geschichte nie gekannten sozialen Sicherheit. Sie sind verknüpft mit der Entwicklung eines Wirtschaftssystems, das nunmehr dabei ist, seine eigenen Grundlagen, sprich Ökosysteme, zu zerstören. Die Agenda 2030 steht quasi vor dem scheinbaren Paradox, den zivilisatorischen Standard zu erhalten bzw. weiter zu entwickeln und das damit in Verbindung stehende, nicht mehr zukunftsfähige Wirtschaftssystem zu „reformieren“ – und „niemand weiß, wie das geht“.

Und dennoch – Grund zum Optimismus? Ja, die Agenda 2030 dokumentiert das globale Bewusstsein für das, was zukünftig notwendig ist. Eine wesentliche Voraussetzung für die Erreichung der 17 Ziele und 169 Unterziele besteht in einem darauf ausgerichteten politischen Willen – der wird nicht zuletzt vom Bürgerwillen beeinflusst………!?

 

Peter Vollmer, Mai 2016

 

Mehr zum Thema Nachhaltigkeit finden Sie auf der Website der Erlösergemeinde Vahrendorf unter: http://kirche-suederelbe.de/vahrendorf/aktivitaten/nachhaltigkeit/archiv/