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Rede von Bundesminister Dr. Wolfgang Schäuble; Januar 2009

„Olivenbäume sind wichtig. Sie stehen für alles, was uns in dieser Welt verwurzelt und verankert, was uns eine Identität und eine Heimat gibt – ob wir zu einer Familie gehören, einem Dorf, einem Stamm, einem Volk oder eine Religion“. Dieser Satz stammt von Thomas Friedman, aus seinem 1999 erschienenen Bestseller „The Lexus and the Olive Tree“. Der amerikanische Publizist schilderte darin, wie die Globalisierung über uns und unsere Olivenbäume hereinbricht und neue ökonomische, politische und soziale Gesetzmäßigkeiten schafft.

Vor drei Jahren veröffentlichte Friedman dann „Die Welt ist flach“. Darin vertrat er die Ansicht, die Globalisierung habe inzwischen eine derartige Intensität erreicht, dass Olivenbäume kaum mehr eine Rolle spielten. Unsere Welt befinde sich nun in der Phase „Globalisierung 3.0“.

Fegt also die Globalisierung die Religionen und andere, traditionelle Quellen von Identität hinweg? Dass mit dem globalen Zivilisationsfortschritt die Religion aussterben würde schrieb der Anthropologe Anthony F.C. Wallace schon in den 1960er Jahren. Tatsächlich hat der Prozess der ökonomischen und kulturellen Liberalisierung unseren Umgang mit Religion verändert. Der Glaube ist mehr zur Privatsache geworden. Sich im öffentlichen Raum zu den eigenen religiösen Überzeugungen zu bekennen ist bei uns – im Gegensatz etwa zu den Vereinigten Staaten –, eher ungewöhnlich.

Wir erleben nun aber schon seit Jahren auch eine Art „Rückkehr des Religiösen“. Sie ist in Vielem eine Reaktion auf die Globalisierung. Der Prozess der Globalisierung geht mit der Modernisierung und Individualisierung unserer Gesellschaften einher. Das schafft früher ungekannte Freiheiten, Chancen, Wohlstand. Es lässt unsere modernen Industriegesellschaften aber auch heterogener, unübersichtlicher und konfliktreicher werden. Immer mehr Menschen setzen sich deshalb auf der Suche nach Orientierung mit Religion auseinander.

Religion ist aber auch deshalb als Thema zurückgekehrt, weil sie uns mit dem 11. September 2001 erneut als zentrale Konfliktlinie in menschlichen Zivilisationen vor Augen geführt wurde. Für viele kam das überraschend. Aber Religion hatte in der Geschichte des Menschen immer ein Janusgesicht. Sie hat Menschen Trost gespendet und zu den wunderbarsten Dingen inspiriert. Ihr Wahrheitsanspruch hat aber auch immer wieder religiöse Eiferer zu Intoleranz und Gewalt verleitet.

In Europa haben wir deshalb nach langen, blutigen Auseinandersetzungen das Verhältnis zwischen Religion und Staat weitgehend säkularisiert. Die meisten europäischen Gesellschaften billigen der Religion heute eine recht eng umrissene Rolle im politischen Raum zu. Auch in Deutschland sind Religion und Staat grundsätzlich voneinander getrennt. In dieser Trennung ist ein Verständnis wechselseitiger Begrenzung von staatlicher und religiöser Autorität institutionalisiert. Unser Staat achtet die spirituelle Autorität der Religionen, behauptet zugleich aber seine Autorität zur Regelung des Zusammenlebens. Das garantiert religiös und weltanschaulich neutrale staatliche Institutionen. Sie waren und sind der Schlüssel zu Frieden und Zusammenhalt in einer religiös immer vielfältigeren Gesellschaft.

Neutralität bedeutet aber nicht Gleichgültigkeit oder gar Feindseligkeit. Anders als in Frankreich haben wir in Deutschland keine absolute Trennung von Staat und Religion. Der Staat wirkt mit Religionsgemeinschaften zusammen, etwa um religiösen Bekenntnisunterricht in den staatlichen Schulen zu organisieren. Staatskirchenrechtler sprechen deshalb von einer „hinkenden Trennung“ von Staat und Religion in Deutschland.

Dieses zugleich von Abgrenzung und positivem Zusammenwirken gekennzeichnete Verhältnis hat sich bei uns historisch entwickelt. Wie zeitgemäß es ist, erleben wir in der Auseinandersetzung mit einer Folge der Globalisierung, die unsere Lebenswelt in Deutschland gründlich verändert: die wachsende Präsenz des Islam und seiner Anhänger in den westlichen Demokratien. Unser Recht garantiert sowohl die Säkularität öffentlicher Gewalt als auch das öffentliche Leben verschiedener Glaubensüberzeugungen. Gerade weil es in seinen Ursprüngen so weit in unsere Geschichte zurückreicht gibt es Antworten auf die religiöse Dimension der Globalisierung.

Die Relevanz des Religiösen besteht nun aber nicht alleine darin, dass wir religiöse Vielfalt als Herausforderung für gesellschaftlichen Zusammenhalt lösen müssen. Das ist eine zentrale Aufgabe von Politik, und wir gehen sie in Deutschland an, etwa mit der Deutschen Islam Konferenz. Religion ist für eine globalisierte Welt mehr als nur „Problem“ oder „Herausforderung“. Das Bild Friedmans von den Religionen als Olivenbäumen passt nicht nur, weil sie alt, knorrig und etwas schief vom Jahrhunderte langen aufbäumen gegen den Wind sind. Olivenbäume sind auch recht stabil und selbst auf dürrem Boden fruchtbar.

Wir brauchen Religion, um unsere Ordnung mit Leben und unser Leben mit Sinn zu erfüllen. Der freiheitliche demokratische Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen kann. Eine Ordnung der Freiheit setzt voraus, dass ihre Bürger Freiheit verantwortlich gestalten. Dafür bedarf es grundlegender ethischer Werte und Orientierungen. Verantwortung kommt aus der Erkenntnis, dass die eigene Freiheit Grenzen hat. Der Bezug auf Gott ist eine wichtige Motivation, Grenzen zu akzeptieren. Der Glaube an etwas Höheres, Unverfügbares hemmt die menschliche Neigung zum Übermaß. Selbst wer sich mit dem Glauben schwer tut, kann in der Ethik der Religionen Antworten finden, wie man sinnhaft und im Einklang mit seinen Mitmenschen leben kann.

Es ist deshalb kein Durchbrechen unserer säkularen Ordnung, wenn Politiker in der Auseinandersetzung mit Religion ethische Grundsätze gewinnen. So schädlich es wäre, eine „christliche“, „jüdische“ oder „islamische“ Politik zu proklamieren, so wertvoll sind die Religionen als Quellen auch politischer Orientierung. Ohne ethisches Fundament – das sich freilich nicht alleine aus religiösen Quellen speisen muss – sind die schwierigen Fragen unserer Zeit nicht zu lösen. Verantwortliches Handeln, ob in der Wirtschaft, der Politik oder anderen Lebensbereichen, ist ohne ethisches Fundament kaum vorstellbar.

Politisch verantwortlich zu handeln bedeutet, in allen Entscheidungen die Folgen für Betroffene sorgsam abzuwägen. Max Weber hat dafür die Unterscheidung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik eingeführt. Was aber bedeutet das in einer vernetzten Welt, wie sie Friedman mit „Globalisierung 3.0“ umschreibt? Und die – wenn man die zwanzig Jahre seit dem Fall des Eisernen Vorhangs Revue passieren lässt – weit weniger stabil ist, als wir danach vielleicht hofften?

Die mit dieser Krise jetzt zu Ende gegangene Epoche war eine, in der wir abwechselnd beispielloses ökonomisches Wachstum und gravierende Erschütterungen der Weltwirtschaft erlebten. Die Währungskrisen in Asien, das Platzen der „Dot.com-Blase“, die Rezession nach dem 11. September 2001, nun die Immobilienkrise in den USA und die durch sie ausgelöste Banken- und Finanzkrise: Nicht alles war vorhersehbar oder gar vermeidbar; fast alles hängt aber zusammen mit Spekulationen in zuvor beispielloser Größenordnung.

Die Globalisierung, also vereinfacht gesagt die Vernetzung von allem mit jedem, ermöglicht immer höhere Investments in immer größere, aber eben auch riskantere und undurchsichtigere Märkte, Produkte und Technologien. Die Folge sind ebenso gigantische Gewinne wie Risiken. Wer sich die Frage nach ethischer Verantwortung in der Globalisierung beantworten will, muss sich deshalb mit den Entwicklungen befassen, die eine so tiefgreifende Vernetzung vorantreiben.

Die wichtigste Triebfeder ist der technische Fortschritt. Das, was wir im Zeitalter der ersten Maschinen als Rationalisierung bezeichnet haben, hat inzwischen eine Eigendynamik gewonnen, die ganz neue Produkte hervorbringt und die Art und Weise, wie Produkte hergestellt werden, tief greifend verändert. Als Folge steigen auch die Anforderungen an den Einzelnen immer weiter an. Längst müssen deshalb auch schwächere Begabungen bis zur Grenze des Möglichen qualifiziert werden, weil der Arbeitsmarkt für gering qualifizierte Tätigkeiten zusammenschmilzt. Das gilt erst Recht dort, wo Dienstleistung latent als im Gegensatz zum Postulat der Gleichheit stehend empfunden wird. Die Folge ist ein immenser Druck zur Generierung und Verwertung von Wissen und know how.

Eine Vorreiterrolle hat dabei die Informations- und Kommunikationsindustrie. Sie stellt Hardware, Dienste und Anwendungen zur Verfügung, die in beinahe jeden Winkel unserer Gesellschaft hineinwirken. Computer-Cluster ermöglichen immer präzisere Berechnungen, etwa in der Naturwissenschaft, der Medizin oder der Industrie. Breitband und mobiles Internet revolutionieren den Medien- und Dienstleistungsmarkt und geben jedem Individuum die Macht, selbst „Sender“ oder „Anbieter“ zu werden. So verändert sich nicht nur die Wirtschaftsweise, sondern auch die ökonomische, soziale und – eben wurde der erste Internetpräsident der USA vereidigt – politische Konfiguration moderner Gesellschaften.

All das passiert in rasender Geschwindigkeit. Und es setzt kreative Energien frei, die immer noch komplexere Produkte hervorbringen und das Netz elektronischer, ökonomischer und politischer Verbindungen immer dichter knüpfen. Es erhöht aber auch die Konkurrenz – um Aufmerksamkeit, Markterfolg, Anteil an Gewinnen und Ressourcen. Zugleich wird alles immer kurzfristiger und auch monotoner – weil größere wirtschaftliche Einheiten effizienter sind und sich alles irgendwann zu wiederholen beginnt. Autoren der Zeitschrift „The Atlantic“ – der „Spiegel“ hat das dann wenig später ebenfalls als Titelstory gebracht, sogar das Titelbild sah fast gleich aus – haben außerdem im letzten Jahr beschrieben, wie uns das Internet nicht klüger, sondern dümmer macht. Zumindest verändert das sprunghaftere Verarbeiten von Informationen die Art und Weise, wie wir denken. Unsere Aufmerksamkeitsfähigkeit und unser Langzeitgedächtnis nehmen ab, sagen Soziologen.

Die Auswirkungen der Informationsrevolution sind damit erst in Ansätzen beschrieben – von einer normativen Würdigung der Folgen ganz abgesehen. Ohne Frage setzt die Informationsrevolution den Menschen enormen Stress aus. Es ist heute ja schon eher ein Privileg, kein PDA zu haben und nicht immer erreichbar sein zu müssen. Der technische Fortschritt hat aber auch eine Revolution ausgelöst, mit der wir eigentlich nicht hadern dürfen.

Von der geringeren körperlichen Belastung durch Maschineneinsatz über bessere Ernährung bis zu den unglaublichen Fortschritten von Medizin und pharmazeutischer Wissenschaft: Ohne diese Fortschritte wäre die demographische Revolution nicht möglich gewesen. Die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung brachte Familienplanung und die tatsächliche Verwirklichung der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen. Das hat zugleich die Einstellung zu Beruf und Familie innerhalb einer Generation grundlegend verändert und neue Anforderungen an die Vereinbarkeit von beidem geschaffen. Die steigende Lebenserwartung führt außerdem zu einer wachsenden Zahl von Hochbetagten, auch Pflegebedürftigen, und das alles bringt neue Herausforderungen für die Gesellschaft mit sich.

Migration – der dritte Metatrend der Globalisierung – kann die Alterung der Gesellschaft verlangsamen, aber nicht verhindern. Migration beschleunigt außerdem die Zunahme von Komplexität und Vernetzung weiter. Denn Migration bedeutet, dass wir Verschiedenheit nicht nur in fernen Erdteilen, sondern überall, also auch zu Hause erleben. Nicht nur unsere Städte, längst auch unsere Dörfer werden dadurch bunter und vielfältiger – von der Pizzeria bis zur Moschee. Je größer aber die Komplexität unserer Gesellschaft ist, desto notwendiger ist die verlässliche Einübung und Beachtung gesellschaftlicher Regeln. Daraus folgt die Notwendigkeit der Integration von Menschen ganz unterschiedlicher geografischer, kultureller, sozialer, auch religiöser Herkunft.

Als Konsequenz all dieser Entwicklungen sind wir nicht nur elektronisch und durch den Austausch von Waren und Dienstleistungen von jedem Punkt der Erde aus mit jedem anderen verbunden, sondern auch durch persönliche Beziehungen. Diese Gleichzeitigkeit und wechselseitige Beeinflussung ganz unterschiedlicher Lebensumstände schafft neue Konfliktpotenziale: Zwischen Kulturen und Religionen, zwischen Armen und Reichen. Alles hängt mit allem zusammen, im Weltklima so sehr wie bei Wirtschaft und Finanzen und in der Bedrohung durch gewalttätige Konflikte, failing states, asymmetrische Kriegsführung, organisiertes Verbrechen und internationalen Terrorismus.

Was an einem Punkt der Erde passiert, hat vielfältige Auswirkungen auch auf andere Länder, Gesellschaften und Individuen. Anders gesagt: Unser persönliches Handeln, in unserer beruflichen Funktion, aber auch als Wähler oder Verbraucher kann heute eine weitaus höhere Tragweite haben, als uns bewusst ist. Darin drückt sich eine nicht zu unterschätzende Demokratisierung und Egalisierung unserer Lebensweise aus. Was aber passiert, wenn wir der damit einhergehenden Verantwortung nicht gerecht werden – weil wir die potentiellen Folgen unseres Handelns nicht erkennen können, weil uns die Anonymität virtueller Räume enthemmt oder weil uns schlicht die Einsicht in das moralische Gebot von Verantwortung fehlt?

Was passieren kann, haben wir eben als Destabilisierung des weltweiten Finanzsystems erlebt. Es braucht keine fortgeschrittene finanzmarktwirtschaftliche Expertise, um zu erkennen, dass wir zu riskante Praktiken zugelassen haben. Und dass viel zu viele dabei mitgemacht haben. Wenn Freiheit ohne Schranken ist, wenn Mechanismen fehlen, die den Gebrauch der Freiheit in verantwortliche Bahnen lenken, dann droht die Freiheit sich am Ende selbst zu zerstören.

Selbst die beste Regulierung kann aber eines nicht ersetzen, ohne dass wir weder diese Finanzkrise überstehen, noch Antworten auf all die anderen Umwälzungen finden werden: Die Befähigung des Einzelnen zum verantwortlichen Gebrauch der Freiheit. Diese Fähigkeit vermittelt sich nicht von alleine. Der Staat kann sie auch nicht verordnen. Wenn der Staat versuchen würde, sie zu verordnen, würde die Freiheit bald im Keim erstickt. Wir sind also zurückgeworfen auf die Quellen einer intersubjektiven Ethik und damit auch auf die Religionen mit ihrer Sensibilität für die Verlockungen des Menschen und die Voraussetzungen eines, wie es Aristoteles bezeichnete, guten Lebens.

Wenn Sie nun mich fragen, welche Lehren ich als protestantischer Christ und Politiker aus den Umwälzungen der Globalisierung ziehe, dann fallen mir vier Dinge ein, die wir dringend lernen müssen. Am wichtigsten scheint mir, dass wir ein Bewusstsein für Übertreibungen entwickeln, die wir nicht zulassen dürfen, weil sie schwerwiegende Folgen haben können.

So falsch es wäre, nun etwa die Finanzmärkte durch Überregulierung zu strangulieren, so richtig ist, dass wir die Instrumente für Risikokapital so gestalten müssen, dass Risiken nicht mehr verschleiert und gestreut werden und schließlich eine Kettenreaktion auslösen können. Wir brauchen mehr Transparenz auf den Finanzmärkten, mehr Konsequenz in der Aufsicht und auch einen allgemeinen Bewusstseinswandel – etwa was vernünftige Renditen für Kapital angeht.

Auch was die künftige Ausgestaltung der Globalisierung, den Umgang mit technischem Fortschritt und internationalem Handel, angeht, brauchen wir mehr Augenmaß. Überall auf dem Globus geraten Regierungen unter Druck, die Abhängigkeit ihrer Länder von der Weltwirtschaft zu reduzieren. Protektionismus wäre aber genau die falsche Antwort auf die schwierige Situation. Die Krise der globalen Finanzmärkte wird sich angesichts der internationalen Arbeitsteilung nicht durch einen Rückzug aus der Globalisierung bewältigen lassen. Wir werden aber schon darüber nachdenken müssen, wie wir die Risiken ökonomischer Vernetzung begrenzen können. Nicht wenige warnen schon jetzt vor der nächsten Wirtschaftskrise in Folge überhöhter Produktionskapazitäten in Ländern wie China und Indien. Im Grunde steht am Anfang jeder Blase irgendeine Form von Manipulation.

Die Versuchung dazu werden wir ebenso wenig beseitigen wie wir die menschliche Natur, zu der auch Gier und Geiz gehören, ändern werden. Aber wir können für Werte werben, die jeden von uns erleben lassen, warum wir durch verantwortliches Verhalten nichts verpassen oder verlieren, sondern gewinnen: Gemeinsinn und Zusammengehörigkeit.

Es gibt ein Bedürfnis des Menschen nach Gemeinschaft und Heimat. Deshalb sind die Olivenbäume für uns so wichtig, ob wir nun gerade Globalisierung „2.0“ oder „3.0“ haben. Wer keine Heimat und Identität hat, wer das Leben als Kette vorübergehender Lebenssituationen begreift (weil er muss), der ist, wie es der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt, „nicht Ehemann von Y, sondern lebt mit Y zusammen“. Das bleibt nicht ohne Konsequenzen – für die Stabilität des Zusammenlebens von X und Y, aber auch für die Gesellschaft als Ganzes.

Verantwortung braucht auch Verlässlichkeit. Das Leben darf kein permanenter Wettbewerb sein. Darauf wies der ordoliberale Vordenker Wilhelm Röpke schon 1958 in „Jenseits von Angebot und Nachfrage hin“. Deshalb müssen wir alle die Kräfte unserer Gesellschaft mobilisieren, die uns das Vertrauen in und die Fähigkeit zu Gemeinschaft vermitteln. Das sind die Kirchen und Religionsgemeinschaften, aber natürlich auch die vielen Sportvereine und Jugendgruppen, die Feuerwehren, Hilfsorganisationen und viele neue Formen der Selbstorganisation von Bürgern, die als Gemeinschaft etwas bewegen wollen. Eine globalisierte Welt braucht diese gesellschaftlichen Kräfte, weil staatliche Stellen die durch Vernetzung erzeugten Veränderungen alleine nicht bewältigen können. Auch Gemeinsinn und Zusammengehörigkeit kann der Staat nicht verordnen.

Das bedeutet nicht, dass der moderne Staat sich zurückziehen soll. Der Staat ist und bleibt in der Verantwortung. Und er kann einiges tun, um etwa das Vertrauen in das Gewaltmonopol des Staates und den Rechtsstaat zu fördern. Wir können die neuen technischen Möglichkeiten auch dazu nutzen, demokratische Verfahren transparenter zu machen und für die Teilnahme am demokratischen Prozess, an Wahlen, Abstimmungen oder anderen Formen demokratischer Selbstorganisation zu werben. Der Staat kann und muss auch neue Formen des Dialogs mit den Bürgern entwickeln, so wie wir es zum Beispiel mit der Islamkonferenz tun. So kann auch die innere Bindung der Menschen an unser Gemeinwesen stärker werden, weil die Menschen sich – bei aller Vielfalt – als Bürger einer gemeinsamen Ordnung begreifen.

Den lebendigen Inhalt von Demokratie und Freiheit kann der Staat aber nicht zur Verfügung stellen. Der muss aus der Gesellschaft kommen. Und damit von all jenen Bürgern, die sich aus Verantwortung für ihre Heimat, für unsere Demokratie, unsere Freiheit, für unsere Werte und für ein gutes Miteinander engagieren.

Wie wichtig die Rolle bürgerschaftlichen Engagements in Zeiten großer Umwälzungen ist, haben Deutsche und Europäer im 20. Jahrhundert erfahren. Der Zusammenbruch demokratischer Strukturen in der Weimarer Republik war in Vielem ein Versagen bürgerlicher Eliten. Es war ihnen nicht gelungen, Antworten auf die großen sozialen Verwerfungen der ersten „heißen Phase“ der Globalisierung zu geben. Umgekehrt dürfen wir heute, sechzig Jahre nach dem demokratischen Neubeginn dankbar und auch stolz sein auf die demokratische politische Kultur, die unseren Staat und unsere Gesellschaft prägt.

Gerade 2009, zwanzig Jahre nach der friedlichen Revolution und sechzig Jahre nach dem demokratischen Neubeginn sollten wir uns der Verantwortung bewusst sein, die nun auf unseren, auch auf Ihren Schultern liegt. Die Finanzkrise ist ein Weckruf, dass wir die Globalisierung so gestalten müssen, dass sie keine unbeherrschbaren Instabilitäten hervorbringt. Technischer Fortschritt und sozialer Wandel werden nie ganz ohne Verwerfungen bleiben. Ethisches Handeln in der Globalisierung bedeutet aber, den Wandel in geordneten, für den Menschen zu bewältigenden Bahnen zu halten. Einfach alles weiter laufen lassen wie bisher, das wird nicht funktionieren.

So wenig greifbar, schwierig und mühsam es auch sein mag: Wir müssen Antworten auf die Herausforderung der Gleichzeitigkeit und wechselseitigen Beeinflussung in einer vernetzten Welt finden. Sonst passiert uns das, wovon uns die Urtexte der Weltreligionen mit ihren kraftvollen Metaphern berichten: Die Welt gerät aus dem Gleichgewicht. Ich glaube aber nicht, dass die Globalisierung wie der Turmbau zu Babel ausgehen muss. Wenn wir uns auf Religion und eine mit religiöser Ethik in Einklang stehende Lebensweise zurückbesinnen, können wir lernen, besser mit den Schattenseiten der menschlichen Natur umzugehen. Das ist die Herausforderung des Menschen in einer vernetzten Welt.

 

 

Mehr zum Thema Nachhaltigkeit finden Sie auf der Website der Erlösergemeinde Vahrendorf unter: http://kirche-suederelbe.de/vahrendorf/aktivitaten/nachhaltigkeit/archiv/